Temperatursturz von Sahara nach Arktis

Schottland, du wirst uns einfach nicht los. Oder wir dich? Ich weiß es nicht. Wie rum man es nimmt, das Ergebnis bleibt das Gleiche. Als ich an Weihnachten dem guten JAN Tickets für die diesjährige Edinburgh Military Tattoo unter den Baum legte, strahlte er wie ein Honigkuchenpferd. Sie scheint wohl zu einer guten alten Tradition für uns zu werden, diese einzigartige Tattoo?!

In den darauffolgenden Monaten habe ich mich mal wieder in die Wirren des weiten Internets gestürzt, eine Bleibe über Airbnb gesucht, Flüge organisiert, Ryanair verflucht, weil die mal eben einfach so die Verbindung FRA – GLA komplett eingestampft haben und wir nun doch wieder über HHN fliegen müssen.

Ich habe  eine kleine todo-Liste zusammen gestellt und auf die zur Verfügung stehenden vier Tage aufgeteilt. Es kann also losgehen. Mein Notfall-Flugplan war ziemlich wirr. Wir fliegen Donnerstag in aller Hergottsfrühe nach London, haben dort drei Stunden Aufenthalt, besteigen erneut eine Discounterkutsche von RA und steigen eine Flugstunde später in Glasgow aus. Unser Host hat uns schon Tipps gegeben, wie wir vom Flughafen ins Appartment kommen, da kann nichts mehr schief gehen.

Unser Wecker klingelt zwei Uhr, völlig durchgeschwitzt und so gut wie nicht geschlafen, weil es in unserem Schlafzimmer mal mindestens 40° waren, schlurfen wir in die Küche, unsere Tiger blinzeln uns müde an, verwundert über die nächtliche Ruhestörung. Einen Kaffee und eine kalte Dusche später stehen wir nach ner Stunde mit unseren Köfferchen am Auto und starten in Richtung Frankfurt-Hahn. Warum zum Geier das „Frankfurt“ davor steht, werde ich bis heute nicht verstehen. Zum Glück ist um diese Uhrzeit nichts los auf der Autobahn und wir kommen gut durch. Den vorher gebuchten Parkplatz finden wir schnell und kurz darauf stehen wir schon in der Abflughalle mit ganz vielen anderen Earlybirds. Unser Flieger startet 6.30h gleichzeitig mit noch drei Stück in alle Himmelsrichtungen.

Servicewüste Ryanair – aber man weiß ja vorher, was man bekommt.

In London Stansted bin ich einfach nur heilfroh, dass wir genügend Umsteigezeit haben. Der Flughafen ist riesig, das Einreiseprozedere dauert lang, unsere Koffer kommen irgendwie als letzte über das Band gerollt und man muss den Flughafen erst komplett verlassen, erneut durch die Sicherheit durch, bevor man sich wieder an sein Gate zum Weiterflug setzen darf. Kenn ich so auch nicht. So gehen die knapp drei Stunden super schnell vorbei und wir heben im londonlichen Sonnenschein ab um eine Stunde später im neblichgrauen Glasgow zu landen. Nanana, das ist aber nicht nett! Kalt isses auch. Ein richtiger Temperatursturz. Zumindest empfindet man das so, wenn man bei ca. 20° ankommt, denn Deutschland erlebt grad einen schönen heißen Sommer mit weit über 35°.  Wir holen unsere Koffer, suchen unseren Airport-Bus und sind eine halbe Stunde später mitten in Glasgow an der Buchanan Bus Station.


Jetzt beherzigen wir den Tipp von Edward, unserem Airbnb-Host, der uns das Mini-Cab empfohlen hat. Man ruft an, teilt mit, von wo nach wo man möchte und kurze Wartezeit später steht ein Privatwagen vor dir, nur durch einen runden Aufkleber als Mini-Cab erkenntlich. Über das Wochenende haben wir viele Fahrer und Autos kennenlernen dürfen – eine günstige Alternative zu den normalen Taxis.

Unsere Wohnung entpuppt sich als süße kleine schnuckliche Drei-Zimmer-Bude, sehr geschmackvoll eingerichtet, Edward ist leider nicht anwesend so können wir alles ein wenig beschnuppern und wir freuen uns besonders über das ensuite-Badezimmer. Super praktisch. Aber wir sind ja nicht wegen der Bude in Glasgow. Heute wollen wir die Stadt ein wenig besichtigen, uns orientieren. Morgen vormittag steht ein Museum auf dem Plan, nachmittags fahren wir dann ins royale Edinburgh zur Military Tattoo (yeah!) und für Samstag und Sonntag habe ich noch ein paar schöne Spots für Glasgow herausgesucht. Kein prall gefüllter Tagesablauf, nur eine kleine Orientierung. Mal sehen, welche der beiden Städte uns am Ende besser gefällt.

Heute jedenfalls steht mal wieder ganz ganz typisches JAN+AIKA-Sightseeing auf dem Zettel: wir besuchen eine Distillery. Jaaaaaa, schon wieder. Aber wir sind süchtig danach. Nein, nicht nach Whisky (obwohl?!), wir interessieren uns für die vielen Geschichten, die hinter den jeweiligen Brennereien stehen. Auf gehts also.

The Clydeside Distillery liegt direkt (wie der Name schon sagt) am Fluss Clyde. Wir haben uns entschieden, sie zu Fuß anzulaufen und waren auch gut außer Puste, als wir endlich ankamen. Aber dafür haben wir einen schönen Blick auf das wundervolle alte Gebäude, als wir auf der Brücke über der großen Hauptstraße standen.

Wir melden uns für die zwei-Uhr-Tour an und unser Guide diesmal heißt Ronny. Er bemüht sich, deutlich zu sprechen, denn der schottische Akzent ist hier in Glasgow extrem. Unseren Taxifahrer heute mittag hab ich überhaupt nicht verstanden und selbst JAN musste bei allen Fragen, die er uns stellte,  um Wiederholung bitten. Krass – wie eine Fremdsprache.

Egal, Ronny jedenfalls erzählt unwahrscheinlich lebendig von der noch sehr jungen Distillery. Erst im Jahr 2017 wurde sie eröffnet und der Whisky, welcher hier destilliert wird muss noch eine Weile lagern, denn erst nach drei Jahren (und einem Tag!) Lagerung in einem gebrauchten Holzfass darf er sich „Scotch“ nennen. Alles hier ist noch neu, obwohl man das Gefühl hat, dass die Mauern uralt sind. Das sind sie aber nicht, sondern hier wurde mit sehr viel Geschick und Baukunst gearbeitet.

Wir erfahren, dass das alte Pumpenhaus ein zentraler Punkt im alten Hafengelände war und als Anlaufstelle diente. Wir hörten viel über Whiskygurus und dass der Handel mit dem flüssigen Gold viele Männer reich machte. Und natürlich durften wir die Distillery selbst besichtigen. Achja, das Wasser kommt ausschließlich aus dem Loch Katerine, der ganz in der Nähe liegend uns letzten Sommer schon als Dampfschifffahrer begrüßte. So schließt sich der Kreis manchmal. Schön.

Das Stillhouse mit dem meterhohen Glaswänden ist natürlich eine absolute Sensation, hier hätten wir gern noch länger gestanden, aber eine Verkostung wartet auf uns. Aus Ermangelung an eigenem Whisky bekommt man hier drei verschiedene Whisky aus den unterschiedlichsten Regionen Schottlands angeboten. Einen von der Insel Islay, einen Speyside-Whisky und einen Highlander. Wir bekommen gezeigt, wie man die Alkoholstärke rein optisch sehen kann (wussten wir schon) und wie man richtig daran riecht (wussten wir noch nicht). Wirklich toll, interessant und sogar ein klein wenig lehrreich.

Wir verabschieden uns und kehren, mittlerweile ziemlich hungrig, in das Cafe ein, welches an die Destillery angeschlossen ist. Hier schlemmen wir eine riesige Platte mit schottischen Leckereien und JAN gönnt sich einen Whisky Flight mit 4 tollen Sorten.

Mit gut gefüllten Mägen machen wir uns auf , die Stadt zu erkunden. Glasgow ist extrem weitläufig und die wenigsten Touris machen Erkundungen zu Fuß. Man latscht sich förmlich die Füße rund. Am Fluss entlang landen wir etwas später im Hexenkessel der European Championship, in den nächsten zwei Wochen ist Ausnahmezustand in Glasgow. Tausende Leichtathleten fluten die City. Wir laufen vorbei an mehreren Gebäuden, von denen wir erfahren, dass sie für Konzerte und Großveranstaltungen genutzt werden. Kommen am Wahrzeichen des Glasgower Hafens vorbei, einem alten Schiffsbeladekran und drehen wieder ab in Richtung Innenstadt. Unser Host hat uns die Byres Road empfohlen, um nach einem langen Tag noch einen Snack oder Absacker zu nehmen. Die steuern wir an, finden einen tollen Pub („Three Jugdes“) und ein Bier und ein Glas Weißwein später machen wir uns auf die Socken zur Wohnung. Wir sind beide fix & fertig, die kurze Nacht macht sich bemerkbar und der lange Fußmarsch auch.

Leider treffen wir unseren Vermieter wieder nicht persönlich an und fallen totmüde ins watteweiche Bettchen.