Die Engländer mögen keine Zelte

Wir verlassen ein letztes Mal einen Campingplatz auf schottischem Boden. Schon heute abend werden wir in England sein, wir müssen uns runter nach Newcastle arbeiten. Von da, wo wir jetzt grad noch sind – in Dundee – sind es ungefähr 5 Stunden Autofahrt bis an die Fähre. Mein früherer Plan war eigentlich, noch eine Nacht mehr hier zu verbringen und erst am Ablegetag die Strecke durchzubrettern. JAN hat da aber ein berechtigtes Veto eingelegt und möchte lieber heute noch ein Stück davon abknabbern und die Nacht auf halber Strecke verbringen. Gutgut! Bin dabei.

Wir verlassen also den Platz wieder durch die unfassbar knappe Einfahrt. Da bin ich gestern schon ausgestiegen, das mach ich heute wieder und halte das knappe Unterfangen mal fotografisch fest.

Wir steuern die Innenstadt an, als erstes wollen wir einem Museumsschiff einen Besuch abstatten. Im Victoria-Dock im Hafen liegt die HMS Unicorn. Sie ist eine der wenigen noch existierenden Fregatten aus der Zeit der Holz-Segelkriegsschiffe. Sie wurde 1824 gebaut, kam aber niemals zum Einsatz. Als eines der letzten Schiffe ihrer Art diente sie durch viele Zeiten als Lager und Trainingsschiff. Zusätzlich zu dieser (für mich) traurigen Vergangenheit kommt noch, dass sie niemals aufgetakelt wurde. Schade. Man hat ihr einen albernen Hut verpasst, die sie von Weitem lächerlich aussehen lässt. Ich finde, Dach muss sein – ja – aber das könnte man in die heutige Zeit holen. Ein schöner gläserner Aufbau, vielleicht sogar mit Andeutung der beiden großen Masten – das fände ich persönlich viel schöner. Aber egal, genug gemeckert. Wir gehen an Bord und stellen fest, ganz schön niedrig die Decks! Ich kann im Hauptdeck noch gut laufen, JAN muss schon ein wenig die Birne einziehen: wir schnappen uns ein Flyerchen und machen uns auf, den Kahn zu erkunden. Denn, was man von außen nicht vermutet, das geht da nochmal ganz schön tief runter. Aber erstmal gehen wir hoch. Hier ist eine wirklich schöne Ausstellung, wir laufen vorbei an den schon dekadent anmutenden Kapitänskajüte- und Salon, vielen Kanonen, tollen Gallionsfiguren und einer großen Schiffsglocke, klettern nach oben, dahin wo einstmal das offene Deck war (welches ja nun bedacht ist). Hier sind viele Modellschiffe, wie das „Einhorn“ früher aussah und auch wie sie hätte aussehen können, wenn sie tatsächlich Segel getragen hätte.

So richtig interessant wird es aber, wenn man die Treppen nach unten steigt. Es sind sage und schreibe noch 5 Decks nach unten, wenn manche auch nur halbe sind. Durch einige Gänge müssen wir regelrecht krauchen, weil sie so niedrig sind. Wir lesen,was hier gelagert wurde und sind etwas erschrocken über den schlechten Zustand des Rumpfes. Wasser steht im Kiel und lässt das Holz verrotten. Hier müssen die Jungs vom Museum unbedingt etwas unternehmen, wenn das Schiff noch in ein paar Jahren bestehen soll. Aber gut – wir haben jedenfalls unseren Spaß beim Streifzug durch die hölzernen Katakomben.

Nach einer Stunde spuckt uns die Unicorn wieder aus und wir steuern die Innenstadt an. Zweiter Versuch, ein paar Schnäppchen bei Superdry zu machen. Wir finden schnell ein Parkhaus mitten in Dundee und stürmen eine Mall. Gleich direkt am Eingang sehe ich schon von Weitem, dass auch dieser Superdry-Store keine Sale-Ständer im Eingangsbereich stehen hat. nargs. Na gut, dann eben nicht. Wir streifen trotzdem durchs Geschäft und glaubt man das?? Da hängt schon wieder dieses wunderschöne, türkisblaue, sensationelle Miststück, welches sich gestern schon in meinen Kopf geschlichen hat. Heute ist sie reif. Anprobieren ist angesagt. Und dann sitzt die auch noch wie eine zweite Haut. Manney. Ich habe, außer den für dieses Label typischen Preis keine Gegenargumente mehr. JAN bekniet mich, sie doch bitte mitzunehmen, sie ist wie für ich gemacht. Ich finde den Preis aber einfach nur unverschämt. Für das Geld kaufe ich mir, die ansonsten nur Takko & Co shoppt, normalerweise drei Jacken.

Das tolle Gefühl siegt, die Unvernunft jubiliert, eine neue Winterjacke fürs Mädchen wechselt den Besitzer. Uff. Glücklich verlassen wir den Shop, schlendern noch ein wenig durch den Tempel, immer auf der Suche nach ein paar neuen Turnschuhen für den Gatten (seine freie Zeit und die Tatsache, dass der Einkaufsmuffel hier nicht flüchten kann, nutze ich aus!), da fällt uns ein Laden ganz oben links ins Auge. „Sportsdirect“, verrät, dass es da wohl viel für den Sport gibt. Und ja – siehe da – alles für den Sport, aber auch Alltagsprodukte der Sportmarken. Und, und das ist das Interessante daran – unfassbar günstig. Extreme Preisnachlässe, die einen echt immer wieder vermuten lassen, dass das doch niemals so sein kann. Jedenfalls verfällt der gute JAN in einen regelrechten Rausch, und nimmt sich gleich mehrere Shirts, Hosen, Jacken, Buxen und Socken mit. Schwer bepackt ziehen wir weiter und finden sogar noch bei JDSports ein paar tolle Turnschuhe für ihn. So kann er in den Sommer starten – wunderbar.

Wir gönnen uns ein Fastfood-Sandwich bei Subways und machen uns auf die Bahn, immer Richtung Süden. Ich suche vom Beifahrersitz nach potentiellen Plätzen, die wir uns anschauen könnten. Aber tatsächlich gestaltete sich das als durchaus schwierig. Wir machen die gleiche Erfahrung wie schon 2016. Während in Schottland so viele Plätze sind, sucht man diese in England. Und wenn, dann sind das reine Wohnwagen/Dauerplätze. Puhh. Wir landen sogar in einem total versnobbten Ferienpark à la Dirty Dancing. Man lächelte uns spöttisch an, als wir nach einem Platz für Auto mit Zelt fragen. „No, we are a Holidaypark. Sorry!“

Ein letzter sticht mir noch ins Auge auf der Karte, den steuern wir an. Wiedermal ist das Häusi am Empfang unbesetzt und wir finden uns damit ab, dass wir wohl wild stehen werden, als doch noch jemand erscheint. Er muss erst ganz umständlich mit vielen Personen abklären, ob wir mit diesem Gefährt und auch noch diesem komischen Zelt auf dem Dach Einlass bekommen. Maaaan, wassn Geschiss. 🙂
Nachdem das Gremium alter Männer positiv entschied, durften wir zahlen (£27 – mit Abstand der teuerste Platz dieser Tour) und sollten ihm folgen. Als wir an der Schranke stehen bleiben, damit er uns aufs Gelände lässt, deutet er direkt daneben auf dem Besucherparkplatz. Jaja, das wäre unser Platz für eine Nacht. Bitte WAS? Nicht sein Ernst! Der Teuerste des Urlaubs wird auch der Schlechteste? Die haben uns mal so richtig schön verarscht. Na bravo. Wir stellen uns nicht gleich ab, sondern fahren vorher nochmal einkaufen. Diesem unschönen Ort muss man entgegengrillen, finden wir. Das Zeugs dafür ist schnell eingekauft im Tesco nebenan und nachdem wir dann das eigens für Nachtbesucher vorhandene Sanitärgebäude sehen, stimmt uns das etwas versöhnlicher. Das haut uns nämlich regelrecht um. Wir haben jeder ein eigenes Bad, ein richtiges Bad mit Toilette, Dusche, Waschbecken – alles super sauber und modern. Wow – damit haben wir jetzt wirklich nicht gerechnet. Wir haben uns dann auch mit dem Auto so hingestellt, dass wir wenigstens auf die Wiese schauen konnten – und siehe da – ein Bierchen noch dazu und alles war nicht mehr schlimm! Trotzdem bleibt der schale Beigeschmack, übers Ohr gehauen worden zu sein.

Und das war sie dann auch schon gewesen, unsere letzte Nacht im Dachzelt für unseren diesjährigen Trip im gelobten Land.

Mitten in der Nacht werde ich wach, weil draußen etwas raschelt. Raschel – pick – raschelraschel – krächz. Was zum Geier geht da draußen vor? Direkt vor unserem Auto?! Neugierig ziehe ich am Reißverschluss und muss mich beherrschen, nicht loszuprusten vor Lachen. Da streiten sich eine Möwe und eine Elster um unseren Müllsack. Die Biester haben ihn schon fast auseinander gepuzzelt, mehrere Löcher sind drin, ein Teil des Inhalts ist schon verteilt rundherum. Was für eine Sauerei. Ich mach wieder zu und versuch weiter zu schlafen. Keine Chance. raschelraschel – krawa krawa … Boah, völlig entnervt, weil die Räuber mich nicht schlafen lassen, zieh ich mir ne Hose an, klettere die Leiter hinab und sammel den Müll ein soweit wie ihn noch gefasst kriege. Weiter hinten auf der Wiese liegt eine Box Krautsalat, der noch fast voll ist, den haben wir weggeworfen, weil er nicht so lecker war und wir morgen eh auf dem Schiff sind. Ich müsste über die Absperrung klettern, um den zu holen und verschiebe das auf morgen früh …

Ruhe!

Am nächsten morgen zeige ich JAN, was ich nächtens getrieben habe, denn er hat tatsächlich nichts von meinem Krieg mit den gefiederten Müllsammlern mitbekommen. Und was soll ich sagen? Der Becher mit dem Salat ist weg. Ein VOLLER großer Becher Krautsalat. Wie haben die den weggeschafft? Verrückt, die Viechers hier.