„Put a penny in the lifeboat!“

Die gute Nachricht: die Midges haben uns nicht aufgefressen. Wir werden am Morgen von der Sonne im Zelt geweckt, genießen erneut die megageile Aussicht und starten mit einem Kaffee in den Tag. Dass dieser heute noch so richtig RICHTIG spannend wird, hat zu dem Zeitpunkt keiner geahnt.

Unsere erste Mission, nachdem wir den lustigen Spenden-Holz-Fisch vorm Klohäuschen mit drei Pfund gefüttert haben, ist: TANKEN. Wir zittern uns mit den verbliebenen 14 Litern nach Tobermory, schaffen es sogar noch, bevor die Reserveanzeige anspringt und tanken den Silberstern voll, schmieren mal die Heckklappe, die seit neuestem extremst quietscht (peinlich!), checken den Reifendruck und gönnen dem Schaukelbenz eine schnelle Katzenwäsche.

Gleich neben der Tankstelle, hier ist sowieso alles ganz eng beieinander, ist auch schon die Distillery. Wir melden uns für die 11Uhr-Führung an und haben nichtmal mehr Zeit, aus den Campinglatschen in vernünftige Schuhe zu schlüpfen und stehen somit mit Crocs in einer der humorigsten Touren, die wir bisher hatten. Graham erzählt dermaßen lebendig und lustig, garnicht so viel über die Distillery selbst, sondern generell über Whisky und seine Geschichte an sich. Er erzählt kleine Anekdoten rund um die Entstehung des Lebenswassers, wann und von wem der überhaupt Erste destilliert wurde – wir sind begeistert. An Ende dürfen wir auch einen Tobermory (ohne Torf) und einen Ledaig (mit viel Torf) verkosten. Der zweite der beiden wird übrigens „Leddschigg“ gesprochen. Wieder was gelernt!

Das einstige Fischerörtchen Tobermory hat sich mittlerweile zu einer kleinen süßen Stadt gemausert, wir genießen die Sonne, die vom Himmel herab brennt und bummeln ein wenig durch die Straße am Pier entlang. Ein Schild lockt uns an: „Local Market“. Da gehen wir doch mal rein. Und ja, das Ganze ist tatsächlich das, was man laut dem Schild am Eingang vermutet. In der Stadthalle, die wohl für alles – vom gemeinschaftlichen Tanztee bis zur Bürgermeisterwahl – gedacht ist, stehen Stände aufgereiht, an denen die Erzeuger selbst ihre Waren anbieten und verkaufen. Wir erstehen einen fantastischen Käse, mehrere Gemüsepies und zwei Stück des bestens Schokobrownies der Welt. Für eine kleine Spende holen wir uns noch zwei Tassen Kaffee bei den alten Ladies an der Coffeebar und genießen die Situation. Um uns herum ausschließlich Eingebor … ähm, Einwohner von Tobermory.

Wir verlassen das Städtchen und machen uns auf den Weg zum Duart Castle. Unterwegs kommen wir an den berühmtbnerüchtigten Schiffswracks in Salen vorbei. Klar, dass wir hier nochmal anhalten, wenn die Dinger schon so schön als Fotomotiv rumkullern.

Das Castle liegt etwas außerhalb und wir düsen über eine Single Track Road dorthin. Dass uns diese Art von Straße heute noch zum Verhängnis wird – wer hätts gedacht. Am Schloss angekommen ist immer noch das herrlichste Sommerwetter (ach echt? Ist wirklich noch Frühling?) und wir kaufen uns für £7 ein Ticket und streifen durch das menschenleere Gemäuer. Das gehört noch immer dem MacLeans-Clan. Das Schloss selbst ist nicht mehr bewohnt und ausschließlich nur noch ein Museum. Es wurde erst im Jahre 1910 nach über 300 Jahren als Ruine sehr aufwendig renoviert. Das haben die Herrschaften ganz toll gemacht und wir sind bestimmt zwei Stunden hier und genießen unter anderem auch die tolle Aussicht vom Turm ganz oben.

Unser nächstes und letztes Ziel für heute soll der Campingplatz Fidden Farm sein. Auf dem Weg dorthin machen wir an einer besonders schönen Stelle halt, futtern unsere gekaufen Pies und hören den Vögeln des Waldes zu. Ein Kuckuck antwortet sogar auf unsere Rufe.

Die Strecke bis nach Fionnphort ist laut Navi ungefähr 55 Kilometer. Aber da ist uns eigentlich egal, denn der Weg ist das Ziel. Wir sind ja im Urlaub. Immer wieder weichen wir entgegenkommenden Fahrzeugen aus, das System mit den Passing Places funktioniert wirklich prima.

Denkste!

Nicht immer!

Uns kommt ein weißer Transporter entgegen, sehr flott und wir haben links nur einen kleinen, wirklich sehr kleinen Bereich, wo irgendwann mal jemand notdürftig nen Eimer Beton hingegossen und breitgewalzt hat. JAN weicht aus, rumpelt ziemlich tief runter und der weiße Transporter, dessen Fahrer auch noch telefoniert, kann unbedarft weiter ziehen. Unser armer Schaukelbenz – hat ganz schön geklonkt da unterm Auto. Wir fahren weiter, immer schön in die Ausweichplätze, wenn Gegenverkehr kommt.

Bis JAN feststellt, dass da irgendwas unsere Heckscheibe vollkleckert. Immer mehr schmiert diese sich zu. Er wundert sich noch, was das sein könne, da bemerkt er, dass das Auto hinter uns Lichthupe gibt. Im nächsten Passing Place hält er an, eine Frau im Ford hinter uns springt raus, rennt auf unser Auto zu, und teilt uns total aufgeregt mit: „There is some liquid from your car! I think you are leeking!“ (oder so ähnlich) JAN springt sofort raus und da läuft auch schon die Soße unterm Benzemann vor. Ich höre ihn nur noch laut rufen: F*** this is gas! Thank you! Where is the next Garage?“ Die Frau: „eigth miles from here“.

JAN: „Schatz! Rein! Wir müssen sofort los. Der Tank ist aufgerissen!“

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Echt jetzt? Passiert uns das jetzt wirklich? Mitten in der Pampa? Mitten im Outback? Kein Empfang, nur eine nervöse aber supernette Frau hinter uns? Wir tun ihr offensichtlich aber leid, denn sie bleibt hinter uns und wir rasen, so schnell die einbahnigen Straßenverhältnisse das zulassen, immer die Straße weiter. Wie lange sind wir schon gefahren, sind die 8 Meilen nicht schon lange vorbei? In einem Örtchen fragen wir einen jungen Mann, der gerade eine Terrasse abkärchert, nach der nächsten Werkstatt, denn unser Rettungsengel hat uns mittlerweile verlassen. Auch er bestätigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. „Maybe 5 to 10 minutes from here!“ Uns geht alles durch den Kopf. Ist der Urlaub jetzt zuende? Kriegen wir das für kleines Geld repariert? Hat die Werkstatt überhaupt noch auf? Was ist wirklich kaputt? Was wird aus dem Ausflug zu den Puffins morgen? Wo werden wir übernachten? Und während wir all das denken, und uns dabei herzklopfend bis zur letzten Nervenfaser angespannt anschweigen, zieht der Benz eine dicke fette Dieselspur auf die einzige Straße nach Fionnphort.

Von weitem sehen wir ein großes Schild, welches die heißersehnte Werkstatt ankündigt. Und als wir in den Hof abbiegen geht mein erster Blick auf die geöffnete Bürotür! YES! Offen isse schon mal. Mein zweiter Blick gilt dem Hof und dem – sagen wir mal – Fuhrpark um mich herum. Aus JAN platzt es raus: „Wenn uns jemand helfen kann, dann die hier!“ Echt jetzt? Naja. Ich trau mich gar nicht auszusteigen. Ich habe das Gefühl, wir sind auf einem Schrottplatz mit eigener Müllhalde gelandet. JAN hechtet ins Büro und schildert unser Desaster, während der Schaukelbenz ein unanständiges Pfützchen mitten in deren Hof macht. Einer der beiden Inhaber folgt uns ans Auto und legt sich auch gleich mit untendrunter.

Okay, die Ursache ist schnell gefunden. Bei JANs Ausweichmanöver hat sich eine Schelle der Auspuffhalterung in den Tank gebohrt, hat ihn gelocht und somit ein schönes Leck fabriziert. Der Diesel läuft weiter ständig aus, die Tankanzeige im Cockpit zeigt mittlerweile großen Verlust an und ich werde witzigerweise aufgefordert, Kaugummi zu kauen?! JAN möchte mit diesem Klumpen erstmal ganz schnell das Loch stopfen. Während die beiden, der eine total aufgeregte Deutsche und der andere total tiefenentspannte Schotte sinnieren, wie sie das Problem lösen können, versiegelt ein großer Extra Professional White-Ball das Loch. Stewart, so heißt unser Engel in Latzhose, schneidet zwischenzeitlich einen Kanister klein, der als Auffangbehälter für den nun doch wieder fließenden Sprit dient, das Kaugummi hielt dem Diesel wohl nicht stand. Man zieht sich ins Büro zum zweiten Mitarbeiter, Alastaire, zurück und überlegt angestrengt. Die beiden sind so unglaublich gechillt. Sie erinnern uns sofort an die Ludolfs. Eins zu eins! Genauso schrottig, genauso abgerockt, genauso cool. Viele Pläne werden geschmiedet, Stewart will uns wirklich helfen, und tatsächlich beginnen die beiden Inhaber, Platz in ihrem Chaoshof zu schaffen, dass JAN mit unserem havarierten Benz nach hinten auf die Grube fahren kann. Und wie auch immer – dass der überhaupt sowas hat, hätten niemand gedacht – zaubert Stewart eine passende sehr spezielle Schraube bei, die die beiden einfach in das Loch einschrauben. Leckage gestoppt, kein Sprit läuft mehr aus, alle sind extrem erleichtert. Und so kam es, dass mein JAN mit Schrauberklamotten (die hab ich ihm zwischendurch schnell hingehalten zum umziehen), total verdreckt und dieselverschmiert in einer Schraubergrube in der schottischen Pampa stand.

Wir können unser Glück kaum fassen. Wirklich? Echt jetzt? Einfach so? Wir sehen die riesen Pfütze im Hof unserer Rettungsengel und wissen gar nicht, wie wir das gut machen können. Die wollten nicht mal Geld haben. Wir sollen nur was in die Lifeboat-Spendenkasse werfen, „Put a penny in the lifeboat“, sagt Stewart zu uns. Natürlich lassen wir in dieser Kasse und auch in der Kaffeekasse der beiden ein Scheinchen und für jeden noch ne Dose Bembel und fahren, untenrum trockengelegt, weiter.

Un – glaub – lich!
Hätte ich nicht schon längst graue Haare, würd ich JETZT definitiv welche bekommen.

Kurz darauf biegen wir auch schon zum eigentlichen Ziel ab. Der Campingplatz Fidden Farm. Und der entlohnt uns für diesen riesen Schreck. Er ist der schönste, den wir jemals gesehen, geschweige denn dort geschlafen haben. Wir stehen direkt in den Dünen, direkt vor uns der Sandstrand Fidden und die Sonne geht glühend unter.

Wir sind, auch durch die extreme Aufregung wegen des Autos, beide lange noch wach, stoßen auf unser unglaubliches Glück (halloooo?! mit einer SCHRAUBE gefixt!!) mit einen Whisky an und genießen den schönen Sonnenuntergang.

Morgen früh gehts zu den Puffins. So lange hab ich mich genau darauf gefreut, so lange gewartet, morgen ist es so weit.

Gute Nacht!