Das soll wirklich Schottland sein?

Heute wird gewandert, Leute!
Drei wunderschöne Wanderziele habe ich im Vorfeld rausgepickt, die wir beim letzten Mal auf Islay nicht geschafft haben. Die Namen der beiden Strände, die wir heute besuchen werden, kennen wir bisher nur von den Kilchoman Whiskyflaschen, die bei uns im Schrank stehen. Die „Saligo Bay“ und die „Sanaigmore Bay“. Falls wir es noch schaffen sollten, werden wir später am Nachmittag noch über den Woodlandtrail schlendern. Davon habe ich bei den „Schotten unterwegs“ gelesen, zwei Deutsche, die genau wie wir auch Schottland so sehr lieben und ihre Reisen bloggen.

Der Himmel ist heute irgendwie nicht Fisch – nicht Fleisch. Kommt die Sonne? Kommt Regen? Man weiß es nicht. Eigentlich ist das auch egal, denn am End müssen wir das Wetter ‚eh nehmen wie es ist.

Die Saligo Bay liegt auf dem direkten Weg zu unserer Lieblingsdistillery. Der Strand, der direkt angrenzt, die Machir Bay, haben wir beim letzten Mal schon gesehen. Wir sind gespannt, ob die beiden anderen mithalten können.

Angekommen parken wir wie beschrieben an einem Weidetor, um den Rest zu Fuß zu gehen. Direkt am Beginn des Pfades finden wir einen Bunker. Zumindest sieht es danach aus. Wir rätseln noch immer, ob es sich dabei um eine militärische Hinterlassenschaft handelt oder nicht. Im Grunde würde man so etwas hier auf dieser Insel nicht vermuten. Nun, wir werden es wohl nicht heraus bekommen. JAN klettert natürlich erstmal obendrauf und posiert. (M)ein dankbares Opfer … 🙂

Wir klettern über die Dünen, vorbei an unzähligen Schafen und so langsam baut sich der Strand vor uns auf. Die Bilder haben nicht übertrieben. Ein wunderschönes Stückchen Küste, was wir hier vorfinden. Leider ist noch immer extrem grauer Himmel, aber dafür sind wir mutterseelenallein hier. Die einzigen Fußstapfen, die hier sind, sind unsere eigenen. Wir suchen uns ein windgeschütztes Eckchen in den Dünen und frühstücken eine Kleinigkeit und genießen die Stille und Ruhe. Wir verlassen diesen tollen Ort, als es sich so langsam zu füllen scheint. Und ja, als wir zurückkommen, stehen auf einmal schon ein paar mehr Autos am Gatter. Schnell weg!

Wir holpern weiter über die extrem löchrige Singletrack Road zum nächsten Strand, der als „must see“ ausgewiesen ist. Hier parkt man an einem Aussiedlerhof. Ich frage mich manchmal, wie die Menschen hier leben können. Komplett abgeschieden von der Zivilisation. Die Örtchen auf Islay sind eh schon nicht groß, so dass man, egal, ob Bowmore oder Port Ellen immer noch einen Dorfcharakter hat. Wieso zum Teufel muss man dann ganz gaaaaaaanz weit draußen wohnen? JAN und ich sind uns einig, das wäre für uns überhaupt nicht möglich. Wir brauchen zum normalen Leben die Kommunikation, das Zusammentreffen mit anderen Menschen, die Interaktion. Jetzt, hier im Urlaub, ist das aber völlig in Ordnung, auch mal nur für uns zu sein.

Wir gehen, wie in der Wanderbeschreibung vorgeschlagen, durch den engen Spalt in der Mauer, um den Weg zum Strand hinabzusteigen. Den Blick Richtung Füße, denn immerhin ist alles Weideland für die vielen Schafe auf Islay und die kacken wirklich überall hin. Dürfen sie ja auch. Vor uns baut sich langsam die Sanaigmore Bay auf. Auch hier ist wieder wunderschön. Wir stecken die Füße ins Wasser (EISKALT!!!) und schießen ein paar Fotos. Hier suchen wir uns wieder ein Plätzchen auf der Wiese, um die Aussicht zu genießen. Verrückt aber hier draußen gibts sogar Netz, so dass wir der Familie einen kleinen Videogruß schicken können. Weiter links sehe ich einen Bergkamm, mit einem Durchgang. Irgendwie reizt mich diese Formation und ich schlage vor, dass wir noch eine Wanderung dorthin machen. Auf dem Weg dorthin müssen wir leider extrem nasses, schlammiges, ja sogar morastiges Gelände queren. JAN ist not amused, meine Turnschuhe auch nicht. Schade drum, ich hatt sie so gerne.

Wir stiegen über den vermeintlich letzten Hügel und uns bleibt fast der Atem stehen. Vor uns senkt sich das Gelände ab und gibt eine Bucht frei. Schöner als „the Beach“ mit Leo, da sind wir uns beide einig. Genauso einsam, traumhaft schön, wir könnens kaum glauben. Wir sind auch hier wieder alleine und können uns richtig breit machen. Die Sonne kommt raus. Wir turnen über den Strand, erkunden die ganzen Felsen und schießen Fotos ohne Ende. Wer hier, an diesem Ort, nicht zur Ruhe kommt, dem ist nicht mehr zu helfen. Nach langer Zeit reißen wir uns aber dann trotzdem los, nicht ohne ein kleines Abschiedstränchen. Immer wieder drehen wir uns um, können es einfach nicht fassen, dass wir wirklich in Schottland sind. Mann, was ist das schön hier.

Auch wenn unsere Beine irgendwie langsam müde werden, gibt es noch einen letzten Punkt auf unserem AIKA-Reiseplan für heute. In einem anderen Blog von Schottlandbegeisterten habe ich vom „Woodland-Trail“ gelesen und die dazugehörigen Bilder gesehen. Da möchte ich auch hin. Der Parkplatz ist schnell gefunden und auch der Einstieg in den Pfad selbst. Die Wanderung entpuppt sich als geschlungener Waldweg, schön befestigt, mit kleinen Hinweisschildern versehen und in unwegsamen Gelände kleine Brückchen als Wanderhilfe (um meine Schuhe wärs jetzt auch nicht mehr schade!). Ungefähr drei Kilometer laufen wir so durch Bäume, fühlen uns dabei aber irgendwie nach Deutschland versetzt. So viel anders, als ein Waldspaziergang bei uns ist das hier nicht, nur dass bei uns nicht so viele Bluebells stehen. Am Ende spuckt uns der Wald wieder aus, und wir laufen fast die gleich Strecke auf einem Farmweg zurück, einen Rundweg hätten wir schöner gefunden (das ist Meckern auf ganz hohem Niveau, ich weiß.)

Total kaputt entern wir den co-op, um uns fürs Abendessen einzudecken und fahren retour zum Camping. Hier isses ziemlich windig und so sehen wir zu, dass wir uns was zwischen die Kiemen kochen (Bohnen mit Würstchen und ein riesen Salat dazu) und mit einem Caol Ila stoßen wir auf unser „einsamer Strand“-Erlebnis von heute noch einmal an. Abends kann man von unserem Standplatz aus immer eine Entenfamilie ganz unten im Wasser sehen, die ihre acht Jungen Gassi führt. Unfassbar niedlich diese kleine Gruppe – wir beide streiten uns immer ums Fernglas.

Auch wenn unsere Knochen bestimmt anders darüber denken, gehts morgen wieder auf Wanderschaft. Dann steht ein Leuchtturm und ein Mahnmal auf dem Stundenplan. Gute Nacht!

(heute gewandert: 12 km)